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Gedanken
Leben

Der Mauerbauer

6. Juli 2020

Gegenüber ist eine Baustelle. Ich bewundere den jungen Bauherrn wirklich, der Tag für Tag auf seiner Baustelle unterwegs ist und etwas schafft. Manchmal ist er alleine, meist hat er Hilfe von Familie oder Freunden. Und wie das oft so ist: wenn ich etwas täglich vor der Nase habe, nehme ich es oft nicht mehr richtig wahr. So habe ich nicht bemerkt hat, wie die Garage in den letzten Tagen gewachsen ist und nun sogar über ein Tor“loch“ verfügt. Ich habe nicht darauf geachtet, wie sich die mühsame Arbeit gelohnt hat und schon fast das Richtfest der Garage gefeiert werden kann.

Wenn ich nun auf die Garage schaue, erinnert mich das daran, was meine Freundin mir so oft als guten Rat mitgibt: „Schau, dass du dir ein Mäuerchen baust und nicht alles so nah an dich heran lässt.“

Sie wünscht mir, dass ich Steine und Zement habe, um mir damit ein Mäuerchen um meine Seele zu bauen. Eine wichtige Vorstellung für mich.

Ich weiß nicht, ob ich zu der Kategorie „Hochsensibler Mensch“ gehöre. Sicher habe ich manchen Anteil davon, doch die klassische Version bin ich vermutlich nicht. Dennoch nehme ich sehr viel wahr und vor allem sehr viel Schlechtes. Darauf sind meine Antennen besonders ausgerichtet. Es fällt etwas herunter und geht kaputt, selbst in einem anderen Raum: ich höre es. Jemand spricht schlecht über jemand anderen: ich höre es. Jemand ist wütend und schimpft: ich höre es. Es geht leider noch einen Schritt weiter. Ich höre es und fühle mich schuldig. Immer. Das ist eine sehr anstrengende sowie unsinnige Angewohnheit. Wie kann ich mich schuldig fühlen, wenn in einem anderen Raum etwas umfällt und kaputt geht? Wie kann ich mich schuldig fühlen, wenn jemand über jemand anderen schlecht redet? Wie kann ich mich schuldig fühlen, wenn jemand wütend ist und ich bin nicht die Ursache? Ich habe keine Ahnung warum. Vielleicht liegt es in meiner Kindheit begründet.

Schon als kleines Kind hatte ich immer das Gefühl, dass ich schuld bin an irgendwas. Ich bekam Schimpfe, wenn etwas kaputt war. Oder wenn etwas unordentlich war. Wenn ich schmutzig war. Das geht soweit, dass ich heute noch die Erleichterung spüre, wenn meine Mama erzählt, dass etwas kaputt sei und ich es einfach nicht gewesen sein kann! Weil ich mehrere 100 Kilometer weit weg wohne. Weil ich viel zu wenig Zeit in meinem Elternhaus verbringe. Aber es wird mir so oft bewusst und ich spüre diese Erleichterung wirklich körperlich: Ich war es nicht! Ich bin unschuldig!

Heute bin ich „erwachsen“. Was immer das heißen mag. Und mein erwachsener Verstand sagt mir, dass ich nicht an allem Schuld bin. Das ich nicht unbedingt etwas für die schlechte Laune meines Kindes kann. Dass ich nicht dafür verantwortlich bin, wenn mein Mann seine Arbeit nicht schafft. Das ich für das Chaos im Haushalt nicht verantwortlich bin. Stop. Spätestens hier schreit alles in mir: Doch! Selbstverständlich ist das Chaos deinem Konto zuzuschreiben. Das ist dein Job!

Und das meint meine Freundin, wenn sie sagt, ich soll mir ein Mäuerchen bauen. Das nicht alles so nah an mich heran kommt und schon gar nicht der ganze schadhafte Schmodder, der mich runterzieht, der mich schwächt und der mir nicht gut tut.

Als ich neulich einer anderen Freundin davon erzählte, von der ich den Eindruck hatte, dass es ihr ähnlich ergeht wie mir, gab sie mir folgende Gedanken mit auf den Weg:

Die Mauer darf nicht so hoch sein, dass ich im Zweifelsfall nicht mehr darüber schauen kann. Sprich: Dass die Dinge die gut sind, wenn ich sie wahrnehme, auch nicht mehr zu mir durchdringen.

Nein, wenn ich mir die Garage gegenüber ansehe, dann ist diese zwar noch im Rohbau, doch kann ich schon erahnen, dass es auch in ihr Türen und sogar Fenster gibt, durch die ich hindurchsehen und auch -gehen kann. Bei Bedarf kann alles wieder verschlossen werden. Doch es gibt jederzeit Zugang.

Sicher muss ich aufpassen, dass ich die Türen und Fenster zu den richtigen Zeiten aufmachen kann. Sicher muss ich darauf achten, dass die Mauer nur so hoch geht, dass ich noch darüber schauen kann. Sicher muss ich darauf achten, dass ich mich nicht zu weit von der Seite entferne, so dass ich keinen Kontakt mehr zur Gegenseite habe. Nicht umsonst spricht meine Freundin von einem Mäuerchen.

Es gibt auch einen Vers in der Bibel, der mir in dem Zusammenhang einfällt. Falls ich meine Mauer doch mal zu hoch gebaut habe, gibt es einen großen, mächtigen, gnädigen Gott, mit dem ich über Mauern springen kann. Dann kann ich mich wieder auf mein Gegenüber einlassen. Ihm begegnen. Weil Gott es mir möglich macht.

Ich möchte nicht unbedingt, dass das nötig ist. Aber es ist gut zu wissen, dass Gott da ist und mich im Zweifelsfall mit ihm über die Mauer springen lässt.

Bild von Pixabay

  1. Das ist ein geniales Bild, eine Mauer oder besser gesagt ein Mäuerchen mit Türen und Fenstern! Eine Wand, die dich schützend umgibt, aber nicht vollständig isoliert. DU kannst entscheiden, für wen oder was du die Tür oder die Fenster öffnest, kannst auch mal ein Klingeln oder Sturm-Klopfen ignorieren und die Tür einfach zu lassen.
    Und die Verbindung mit dem Bibelvers, dass du mit Gott über Mauern springen kannst (über Mäuerchen dann allemal 😉 ) bringt eine noch größere Tiefe in den Vergleich.
    Jetzt verstehe ich auch den Hintergrund des Mäuerchen-Bildes noch besser, den Zusammenhang mit den Schuldgefühlen. Viel Erfolg beim Errichten eines Mäuerchens, das dich schützt und dir Ruhe verschafft! ❤

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