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Gedanken
Leben

(M)Eine Reise

10. Oktober 2019

Gestern vor einem Jahr begann eine neue, spannende Reise für mich. Eine Reise zu mir selbst und auch eine Reise zu Gott.

Vor einem Jahr packte ich meine Koffer um einer Heilung meiner Depression entgegenzugehen. In einer christlichen Klinik fand ich einen Platz und freute mich auf die Zeit, die vor mir lag. Ich hatte nicht den Anspruch, nicht einmal den Willen, Beziehungen aufzubauen. Der Satz einer Freundin war mir im Ohr, die sich in ihrer Kur bewusst von manchem ferngehalten hat, um sich ganz auf sich zu konzentrieren. So wollte ich das auch handhaben. Keine Erwartungen an Menschen. Nur an mich. Und an Gott. Mehr nicht. Doch Gott weiß, das wir manche Reisen nicht alleine schaffen. So sorgte er auch dafür, dass wunderbare Menschen zu meiner Bezugsgruppe gehörten, die mich zum Teil immer noch begleiten und aus deren Leben ich sehr viel Ermutigung mitnehmen kann.

Klar, manche Beziehungen, von denen ich mir mehr versprochen hatte, haben nicht gehalten. Vielleicht waren sie nicht gut. Vielleicht sollte es nicht so sein. Vielleicht soll ich daraus etwas lernen. Ich weiß es nicht. Wenn ich an meine Erwartungen von vor einem Jahr zurück denke, weiß ich aber, dass sie voll und ganz erfüllt und übertroffen wurde!

Meine Reise zu mir selbst hat viel, sehr viel mit dem Thema „Gnade“ zu tun. Ich bin weder mit mir selbst, noch mit anderen besonders gnädig. Du merkst vielleicht, das ich in diesem Thema immer noch auf der Reise bin. Neulich fiel es mir erst wieder auf.

Mit meinem Sohn habe ich große Herausforderungen. Er ist vielleicht mein „ehrgeiziges Erziehungsprojekt“. Da ich gelernte Erzieherin bin, habe ich mir vorgenommen, dass ich in seiner Erziehung alles perfekt mache. Vom ersten Tag der Schwangerschaft (als ich davon erfuhr, versteht sich), ging es los. Dabei musste ich an mehreren Stellen merken, dass ich vieles, sehr vieles, das meiste, nicht in der Hand hatte. Eine Blutung in der Frühschwangerschaft hat mich wahnsinnig gemacht. Vorzeitige Wehen haben mich aus meinem Job katapultiert. Immer verbunden mit der Sorge, dass ich nicht in der Lage sein werde, einem Baby das Leben zu schenken.

Als mein Sohn geboren wurde, saß ich nach 3 Tagen heulend im Bett, weil meine Hebamme mir sagte, ich müsse auch die süße Speckfalte am Hals waschen, da sich die Haut dort schnell entzünden könne, wenn Schweiß und ausgespuckte Milch sich dort sammeln würden. Na, drei Tage! Immerhin war ich drei Tage lang dem Irrglauben erlegen, eine perfekte Mutter zu sein! Trotz Stillproblematik, postnataler Schmerzen, Kreislaufschwierigkeiten, Schlafmangel (Mamas wissen, wovon ich rede), hatte ich es doch hinbekommen, mein Kind zu wickeln, zu füttern, anzuziehen und ihn zu knuddeln. Und jetzt das. Ich glaube, damals war ich erstmalig mit meiner Depression konfrontiert. In einem so starken Ausmaß, das ich mir hätte Hilfe holen müssen. Doch das kann ich auch heute noch nicht. Um Hilfe bitten. So habe ich damals weiter gemacht und musste feststellen, dass es das mit der Perfektion war. Doch nur nach außen legte ich sie ab. In mir drinnen herrscht nach wie vor die Perfektion.

Mein Sohn ist nun im vorpubertären Alter. Und auch hier passieren mir viele, viele Fehler. Die kratzen an meiner Perfektion. Sie ziehen mich zurück in die Depression. Denn ich weiß es besser! Dennoch reagiere ich falsch. Nicht nach dem, was ich gelernt habe. Sondern nach dem, was ich verinnerlicht habe. Wie ich in meiner eigenen Erziehung geprägt wurde. Das kollidiert mit dem Wissen, welches ich in der Schule gelernt habe.

Wenn ich mich hier nicht unter Gottes Gnade stellen kann, dann wird es mir nicht gelingen, diese Diskrepanz zwischen erfahrenen und gelernten Dingen auszuhalten. Ich bin die, die ich bin. Das ist nicht festgeschrieben, es ist kein Gesetz. Dennoch bin ich Ich. Ich will lernen, dass ich in Ordnung bin. Auch wenn ich mich täglich von meinem Perfektionismus verabschieden muss. Wenn ich meine hohen Ziele nicht im Ansatz erreiche. Dann bin ich immer noch Ich, Tochter eines wunderbaren Königs und geliebt bis in alle Ewigkeit. Diese Vorstellung, dieses Wissen, gibt mir Kraft.

Und was hat das mit meiner Reha zu tun?

Dort lernte ich Jesus neu kennen. Er begnetet mir in unglaublich vielen Bereichen, auf unglaublich vielfältige Art und Weise.

Er heilte mich an manchen Stellen und ließ gleichzeitig zu, dass ich nicht depressionsfrei zurück in meinen Alltag ging. Es gibt immer noch sehr viele Stellen, die mich triggern, die mich auf die dunkle Seite ziehen wollen. Doch Jesus, der das Licht selbst ist, lebt in mir und leuchtet in diese Stellen hinein.

Ich bin auf der Reise eine andere geworden. Vieles von dem, was früher selbstverständlich für mich war, geht heute nicht mehr. Das mag vielen Menschen komisch vorkommen. Mir selbst auch. Doch eines ist gleich geblieben: ich bin immer noch Ich. Ein anderes Ich. Ja. Aber mein Ich. Mit allen Fehlern. Mit allen Vorzügen. Mit rauen Kanten und weichem Kern. Mit Perfektionismus. Und Versagen. Mit Ansprüchen und Gefühlen.

Seit gestern bin ich in einer sentimentalen Stimmung. Nein. Nicht seit gestern. Schon seit Anfang Oktober. Weil ich diesen Punkt der Reha gern als Wendepunkt meines Lebens sehen möchte. Weil dort vieles aufgebrochen ist und in manchen Bereichen Heilung passierte. Doch es sind noch viele Stellen, die kaputt sind. Die ungefüllt blieben. Die es vielleicht auch immer bleiben. Und ich hänge ein wenig der Zeit nach. Denke an Begegnungen, Erlebnisse, Spaziergänge, Sonnenaufgänge, Gespräche, therapeutische Sitzungen die mir geholfen haben, ein Stück mehr Ich herauszufinden. Und ich spüre Verluste. Auch wenn die Dankbarkeit über allem steht, tun die Verluste auch weh.

Doch so ist es wohl. Das Leben.

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