butterfly2god

Gedanken
Leben

Drachenkämpferin

3. Mai 2019

So unschuldig kommt es daher. Niedlich gar. In Form eines tollen Schnittes, dem ich nicht widerstehen kann. Ich sehe es und weiß, ich will es testen. Möchte mitreden mit den anderen, die sich auch daran gewagt haben. Sie meinten, es sei so einfach diese Tasche zu nähen. Also geht es ans Werk. Ich habe gut 2 Stunden Zeit. Mit zuschneiden etc. sollte es doch reichen. Denn immerhin sagen die anderen ja auch, dass es so flott genäht ist. Eine hat sogar schon 3 Exemplare geschafft. Oder waren es 4? Ich habe den Überblick verloren. Weiß nur, bis morgen muss es fertig sein. Inklusive Fotos. Und da das Wetter heute noch gut ist, wäre es super wenn ich sie in diesen 2 Stunden fertig bekomme.

Frisch ans Werk läuft alles ganz prima. Meine Laune ist auch gut. Aber was ist das? Meine Nähmaschine will nicht so wie ich und transportiert den Stoff schlecht. Das sieht man natürlich an der Naht. Ausgerechnet an der Taschenklappe. Puh! Nicht schön. Woran das liegt? Ach ja, sie müsste mal gereinigt werden. Das dauert zwar nicht lang, ist aber im Zeitbudget nicht geplant. Und da ich eh etwas unsortiert bin, fallen zusätzlich noch einige Kellergänge an, in dem mein Material gelagert ist.

Weiter geht es. Soweit klappt alles ganz gut. Ich habe noch eine Stunde Zeit. Na prima. Alles läuft nach Plan, trotz Reinigung der Maschine. Jetzt kommt der spannende Moment. Ich wende die Tasche. Nun kann ich gleich sehen, ob alles gut ist. Huch! Was ist denn das?? Das Steckfach hat ein Loch. Da habe ich nicht alle Teile richtig gesteckt und somit nicht erfasst. Du weißt nicht, wovon ich rede? Macht nicht viel. Jedenfalls passt es so nicht. Also alles wieder wenden und noch einmal in einer breiteren Naht drüber gehen. Ist ja „nur“ ein Probemodell. Ich weiß ja, auf was ich nächstes Mal achten muss. Wieder wenden. Uuuund? Es passt immer noch nicht. Pfffff.

Na, egal. Ich habe ja nicht mehr sooo viel Zeit, da muss das eben erst mal so bleiben. Ich kümmere mich später darum. Hauptsache die Fotos werden noch fertig. Also schön die Ecken rausdrücken. Warte. Das geht am besten mit meiner langen Stricknadel. Wo habe ich sie denn? Ach ja. Da ist sie. Erst mal mit der stumpfen Seite. Das geht nicht so gut. Also dann werde ich die andere Seite nehmen. Vorsichtig… Wieso geht das denn nicht? Etwas mehr Druck schadet wo…. Sch… Da kommt die Nadel auf der anderen Seite wieder heraus und ich habe ein schönes kleines Loch in der Ecke. Mist! Aber gut, das Foto kann ich trotzdem machen. Ich kann sie ja so hinstellen, dass man das Loch nicht sieht. Ärgerlich. Aber ist ja nur fürs Foto. Noch 15 min. Das langt. Nur noch eben den Verschluss der Tasche fertig stellen.

Was ist das??? Die Taschenklappe ist falsch herum angenäht! Der Innenstoff schaut mich an. Das kann doch nicht wahr sein! Warum stelle ich mich denn so blöd an? Die Tasche fliegt mitsamt Loch, umgedrehter Klappe und offenem Steckfach in die Ecke. Ich bin sauer. Warum bin ich so doof? Wieso bekomme ich diese einfache Tasche nicht vernünftig genäht? Andere schaffen das in locker in ein paar Minuten und ich? Brauche dafür mehr als 2 Stunden und dann geht noch alles schief, was schief gehen kann.

Dann eben erst mal mein Kind abholen. Beim Blick auf die Uhr stelle ich fest: ich bin 10 min zu früh dran. Außerdem habe ich mein Handy nicht dabei. Jetzt kann ich mich nicht mal von meinem Frust ablenken. Jetzt muss ich mit ihm auseinandersetzen. Iiiiiiihgiiiiiiit!!! Darauf habe ich gar keine Lust! Schlimm genug, dass ich ihn spüre. Jetzt soll ich ihm auch noch Aufmerksamkeit schenken, indem ich ihn zulasse, anschaue, Raum gebe?

Ja. Das muss wohl so sein. Ich habe innerlich gewütet und geschimpft. Ich habe mir meine Wut vorgestellt, wie sie da randaliert in meiner inneren Manege und ich sie jetzt unter Kontrolle bringen soll. Ich habe zu Gott gesagt, dass ich niemals ein Dompteur sein wollte. Das es mir keine Freude macht, meine Gefühle zu zähmen und mit ihnen eine Zirkusnummer aufzuführen. Und nun stehe ich davor. Ich bin wütend, frustriert, traurig, fühle mich dumm, wertlos, nutzlos. Wieder einmal. Das Gefühl ist mir nicht unbekannt. Es ist sozusagen mein ständiger Begleiter. Und nun erlebe ich es auch noch hier. In meinem „Traumberuf“. Bisher lief es immer einigermaßen gut. Sicher, nicht perfekt. Aber dafür ist auch alles „handmade“. Für die Tonne habe ich bisher noch nie genäht. Und diesmal stehe ich nah davor.

Und wie ich da so sitze, im Auto, trotzig wie eine Dreijährige, der man das Spielzeug weggenommen hat, schimpfe und mich ärgere, fallen mir ein paar Dinge ein, die ich in der Reha gelernt habe. Ich schaue mir tatsächlich meine Gefühle an. Ich distanziere mich damit auch gleichzeitig von ihnen. Ich schaue von außen auf sie drauf. Ich nehme die Wut und schleudere sie weit genug weg (mit ein paar Umdrehungen, damit ihr auch schön schwindelig wird), damit sie nicht so schnell wieder zurück kommen kann. Allein die Vorstellung bringt mich zum lachen. Außerdem merke ich, dass ich doch wohl ein ganz guter Dompteur der Gefühle bin. Denn ich fühle mich tatsächlich leichter. Noch bin ich nicht ganz zurück auf meinem Ruheplaneten. Doch komme ich ihm immer näher.

Da steigt meine Tochter ein und wir fahren heim. Die unerwünschte Auszeit tat also gut. Ich bin Gott wieder einmal mehr dankbar dafür, dass er auch in Wüstenzeiten bei mir ist, mich umsorgt und mir alles gibt, was ich brauche. Und das sogar dann, wenn ich es am wenigsten „verdiene“. Weil ich doch gerade so wenig Gnade verdient habe in meiner Wut. Doch so ist Gott nicht. Er ist nicht gekommen für die Gesunden. Nein, er hat Jesus auf die Erde geschickt, damit er sich um die Kranken, um die Verirrten und die Verwirrten kümmert.

Und somit habe ich jetzt mit der Tasche ein Mahnmal, das mich daran erinnert:

  1. Ich möchte mir Zeit nehmen für die Dinge, die ich erledigen muss oder auch möchte.
  2. Es dauert länger, wenn ich schnell machen will.
  3. Wenn ich meine Gefühle anschaue, lässt es sie schneller in die richtige Position gleiten, als wenn ich sie unterdrücke.
  4. Gott hat selbst dann die Kontrolle, wenn ich sie verloren habe.
  5. Gott ist immer da und wendet sich nicht von mir ab.

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