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Vergebung Teil 2

14. April 2018

Wenn man mich vor einigen Jahren nach meinen guten Eigenschaften gefragt hätte, wäre die Antwort: „Ich bin nicht nachtragend.“ gewesen. Diese Meinung hatte ich von mir. Ganz ehrlich und aufrichtig. Heute frage ich mich: war das damals eine Wunschvorstellung? Oder war es wirklich so, dass ich nicht nachtragend war?

Mein Vater ist da ein wunderbares Beispiel. Er ist kein Mensch, der leicht sauer wird. Wenn er wütend ist, dann ist er lange gereizt worden. Sein Zorn verfliegt aber auch recht schnell und dann ist er der Mann, der keiner Fliege etwas zu Leide tut und sehr verträglich ist. So sah ich mich lange Zeit.

Meine Mutter ist das genaue Gegenteil. Sie ist schnell reizbar und kann ihre Meinung nicht zurückhalten. Wir geraten oft aneinander, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Sei es, weil wir den anderen von unserer Meinung überzeugen wollen, oder einfach so intolerant sind, dass wir Andersdenkende nicht annehmen können oder wollen. So sehe ich mich heute.

Was ist passiert in diesen letzten Jahren? Wieso bin ich heute, wo ich mich als Christ bezeichne, so unversöhnlich? Wieso fällt es mir gerade jetzt, wo ich behaupte ich folge Jesus, so schwer, Dinge zu vergessen oder Ruhen zu lassen?

Das ist recht paradox. Jedoch merke ich immer mehr, wie mich Dinge, dich ich anscheinend von früher gar nicht aufgearbeitet habe, heute einholen. Es sind in meiner Kindheit und Jugend Verletzungen geschehen, die sich heute, in anderen Formen, wiederholen und die dadurch wieder hochkommen. Klar. Kein Mensch geht über diese Erde, der frei ist von solchen Erfahrungen. Und meine Verletzungen sind in einem Bereich, der anderen sehr harmlos erscheinen mag. Dennoch ist es meiner Meinung nach so, dass jedes Herz Verletzungen erlebt und diese ihre Spuren hinterlassen. Wir können nicht eins harmloser als das andere darstellen. Jeder Mensch empfindet anders und unterschiedlich intensiv. Wenn ich mir meine Schwester anschaue, wir haben beide die gleiche Erziehung genossen, ist sie ein komplett anderer Mensch als ich. Sie regt sich scheinbar über gar nichts auf, bleibt ruhig und gelassen, während ich wie ein HB-Männchen durch die Gegend renne und innerlich gestresst bin. (Dabei kommt mir das Bild von Martha und Maria in den Sinn. So ähnlich könnte es bei uns auch sein…)

Nun ist mein Wort des Jahres „Vergebung“. In den letzten dreieinhalb Monaten habe ich mich aktiv damit befasst. Ich suche mir monatlich einen Bibelvers aus, der mit Vergebung zu tun hat. Diesen schreibe ich täglich in ein Buch und dazu noch ein paar Gedanken, wem ich aktiv vergeben möchte, was mir schwer fällt oder was gut ist. Ich lese Bücher, die mit dem Thema zu tun haben. Und dennoch: jedesmal, wenn ich einen Menschen treffe, an dem ich aktiv Vergebung üben will, wird alles über den Haufen geworfen. Ich spüre körperlich die Reaktion, wie wütend ich bin. Wie verletzt. Wie traurig. Wie verlassen. Wie einsam. Dann weiß ich auch wieder, dass mein Jahreswort durchaus richtig ist, doch stehe ich momentan wieder ganz am Anfang.

Bin ich zu ungeduldig? Gehe ich das zu verbissen an? Zäume ich das ganze vom falschen Ende auf?

Ich bin echt unschlüssig, warum es mir nicht gelingt, zu vergeben. Beziehungsweise, warum es mir so schwer fällt. Eines ist jedenfalls deutlich geworden: Die gute Eigenschaft, dass ich nicht nachtragend bin, kann ich ruhig von meiner Liste streichen.

Dennoch bete ich dafür und hoffe darauf, dass ich irgendwann an den Punkt kommen werde, wo es mir doch gelingen wird.  Wo ich alte Wunden als geheilt einstufen darf. Wo ich ruhig und gelassen bin, wenn ich mit sensiblen Punkten in Berührung komme.

Und bis dahin heißt es wohl einfach: Geduldig warten, bis Heilung entsteht. Vergeben bedeutet nicht, dass ich nicht mehr wütend oder traurig bin. Vergeben bedeutet, dass ich diese, wenn nötig, 1000 mal ausspreche und sie dann real in meinem Leben entstehen kann. Doch 1000 mal! (oder sogar noch mehr) bedeutet, dass es bis zu 3 Jahre dauern kann. Na dann. Ein drittel habe ich schon fast geschafft. Und ja. Es wird leichter. Jeden Tag ein kleines bisschen.

 

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Matthäus 6,12

 

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