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Gedanken
Leben

Die Vergleichsfalle

23. März 2018

Mittagszeit. Ich sitze im Auto und warte auf dem Parkplatz der Schule auf meine Tochter. Sie hat um 12.15 Uhr Schule aus. Das Essen steht auf dem Herd. Alles ist bereit, denn um 13 Uhr kommt schon die Flötenlehrerin, um meiner Tochter die Flötentöne beizubringen. Also, die auf der Blockflöte, versteht sich. Die anderen übernehme ich dann lieber selbst. Die Uhr zeigt inzwischen schon 12.20 Uhr und noch immer ist nichts zu sehen von einer lila Jacke und einer schwarzen Hose. So langsam fange ich an unruhig zu werden. Nicht, dass sie verloren gegangen sein könnte. Da bin ich doch entspannt. Nein, ich werde unruhig, weil die Zeit davon rennt. Zeit, die ich nicht habe. Schließlich muss ich mein Chaos Arbeitszimmer aufräumen, denn meine Eltern haben sich zu Besuch angekündigt. Und nun sitze ich hier dumm im Auto herum und verplempere meine Zeit mit warten. Kostbare Zeit, die ich zum bügeln, putzen, räumen gebrauchen könnte. Nun ist es 12.25 Uhr und ich steige aus dem Auto aus. Im Flur treffe ich auf viele Kinder aus der Klasse meiner Tochter. Doch sie sehe ich weit und breit nicht. Dort hängt ihre Jacke. Voll Ungeduld greife ich sie mir und gehe Richtung Klassenzimmer. Dort steht sie. Ganz vorne. Ich gestikuliere und zeige ihr damit unmißverständlich: Loooos!!! Beeil dich jetzt mal ein bisschen!!! Wir haben doch keine Zeit!!!!

Dann steht sie neben mir, ich will ihr die Jacke anziehen und da erst bemerke ich: sie weint. Meine 3. Klässlerin weint zum ersten Mal seit ihrer Schullaufbahn, als ich sie abhole. Sofort ist mir die Zeit völlig egal. Was ist denn da los? Da schluchzt die kleine Maus:“Mama, ich habe eine 4-.“ Sie hat ihre Deutscharbeit wieder bekommen für die wir soviel gelernt haben. Und das ist ihr Lohn. Sie ist am Boden zerstört und ich spüre, wie mein Herz bricht. Den ganzen Weg nach Hause weint und schluchzt sie so stark, dass sie gar nicht mehr reden kann. Ich weiß nicht, wie ich sie trösten soll. Worte sind so leer. Ich nehme sie in den Arm und versuche ihr Mut zu machen, dass sie schließlich ihr bestes gegeben hat und wenn es nicht gereicht hat für eine bessere Note, dann ist das nicht schön, aber auch kein Weltuntergang.

Doch das ist es. Für sie ist es in dem Moment der absolute Weltuntergang. Da kommen so viele Gefühle zusammen: Enttäuschung, Versagensgedanken, Trauer, Unverständnis, Wut. Und ein ganz besonderes Gefühl: Ich bin schlechter als alle anderen. Sie äußert das in 2 Sätzen. Zum einen hat ihre beste Freundin (mal wieder) eine 1. Eine Note, die sie sich so sehr wünscht, aber noch nie erreicht hat. Zum anderen sagt sie selbst, dass sie von niemandem gehört hat, dass er eine schlechtere Note hätte.

Warum um alles in der Welt, frage ich mich, ist es uns so wichtig, mindestens genauso gut zu sein, wie alle anderen. Oder wie der Freund/die Freundin? Warum ist es so schlimm, eine schlechte Note, vielleicht sogar die schlechteste Note zu haben? Was sagt denn das bitte über den Wert des Menschen aus? Gar nichts! Nicht das geringste!

Doch leider wird uns genau das in der Welt suggeriert. Du musst eine gewisse Norm erfüllen, damit du Anerkennung und Lob erhältst. Du musst etwas erreichen, sonst wirst du übersehen. Die Überflieger sind die, zu denen wir aufsehen. Die mit den schlechteren Noten lassen wir im abseits stehen. Niemand sieht aber, welche Leistung dahinter steht. Niemand hat gesehen, wie sehr meine Tochter für diese Arbeit geübt hat. Niemand hat gesehen, wie sehr sie gekämpft hat während der Arbeit. Niemand ahnt, wieviel Anstrengung es für diesen kleinen Menschen bedeutet, den Füller zu halten und die Worte zu schreiben. Doch jemand bewertet das Ergebnis ihrer Leistung und vermittelt ihr damit: Du bist fast nicht mehr ausreichend. Diese 4- in Deutsch setzt sich in ihrem Herzen fest zu einem: ich bin fast nicht mehr ausreichend.

Mein Herz bricht ein weiteres Mal! Diese Schluchzer höre ich noch immer. Es tut mir körperlich weh und ich möchte es ihr abnehmen. Doch das ist erst der Anfang. Es wird in ihrem Leben noch unglaublich viele solcher Momente geben. Wir als Eltern können das leider nicht von ihr fern halten. Wir können sie nicht davor bewahren.

Doch wir können ihr immer wieder sagen, dass sie unglaublich wertvoll ist! Egal, was die Ergebnisse zeigen. Egal, wie oft und wie sehr sie angeblich „versagt“. Sie ist unsere Tochter und sie wird es bleiben. Wir lieben sie, egal ob sie Einser oder Vierer schreibt! Sie hat so viele tolle Eigenschaften und diese sage ich ihr immer und immer wieder. In der Hoffnung, dass es tiefer in ihr Herz rutscht, als die Benotung der Lehrerin.

Im Leben begegnet es mir immer wieder: Es geht nur noch um Perfektion! Wir müssen die beste Präsentation haben. Wir müssen trendy sein. Außenwirkung geht über alles. Denn das zieht an. Doch stelle ich oft fest, dass es dabei leider bleibt. Dass die Außenwirkung mehr zählt als der Mensch. Und das darf nicht sein. Ich möchte alles tun, dagegen zu wirken. Menschen sind nicht perfekt. Wir können viel erreichen. Und das ist nicht schlecht. Doch auch wir machen Fehler. Wenn ich jedoch das Gefühl habe, hier muss ich perfekt sein um mitwirken zu können, dann lasse ich das lieber bleiben. Denn ich kenne mich. Ich bin nicht perfekt. Mir kommt das, was meine Tochter heute erlebt hat, mehr als bekannt vor. Und mir macht das, ehrlich gesagt, Angst. Denn ich habe das genauso erlebt, wie sie. Ich habe viel gemacht, aber es hat nie gereicht um in der „oberen Liga“ mitzuspielen. Daraus hat sich in mir eine große Unsicherheit gebildet und ich fühle mich oft wertlos. Sagt mir jemand was Nettes, glaube ich das nicht. Denn die Erfahrungen meiner Kindheit/Jugend sitzen sehr tief. Für meine Tochter wünsche ich mir das wirklich anders!

Jesus ist mir da ein großes Vorbild. Sicher hat er auch oft harsche Worte für seine Zuhörer. Doch er liebt den bedingungslos, der seinen Zerbruch zugibt und mit all seinem Frust zu ihm kommt. Das möchte ich meinen Kindern auf jeden Fall mitgeben: Egal, was die Menschen von dir denken, egal wie sie dich bewerten: Jesus liebt dich durch und durch und du kannst nichts tun, um das zu ändern. Das für mich anzunehmen fällt mir ebenso schwer. Doch zumindest möchte ich den Samen säen, dass dieser in ihre Herzen fällt und dort die Chance bekommt genauso zu wachsen wie alle negative Kritik! Und dann bete ich dafür, dass Gottes Samen stärker ist und alles schlechte überwächst!!!

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