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Gedanken
Leben

Wohin gehst du mit all deinem Schmerz?

15. August 2017

Gestern habe ich in einem Buch über „Gefühle“ gelesen. Gefühle kenne ich gut. Man könnte fast sagen, dass ich sie erfunden habe. Nein, natürlich nicht. Ich will nicht damit sagen, dass ich allein ein Anrecht auf Gefühle habe. Aber ich schwimme schnell auf der Welle der Emotionen davon. Und hinterher stelle ich fest, dass es entweder doch nicht so schlimm war, wie ich dachte, oder dass ich, dank meiner Gefühle, ziemlich die Relation verloren habe.

Dank dieses Buches, mit seinem Kapitel über „Gefühle“ musste ich neu über meine eigenen nachdenken. Zwei Fragen spuken mir im Kopf herum. Die erste stelle ich mir ziemlich oft: Fühle ich zu viel? Bzw. Warum fühle ich so viel?

Und die 2. Frage: Wo kann ich „ich“ sein mit meinen Gefühlen.

Um ein wenig genauer zu werden: Für mich sind Emotionen etwas sehr wichtiges. Sie bestimmen mein Leben in vielerlei Weise. Nicht immer sind sie gut für mich, weil ich sehr schnell in ihnen ertrinken kann. Aber auf der anderen Seite macht es mich zu einem Menschen, der sich dadurch recht gut in den anderen hineinversetzen kann. Natürlich nur, wenn er seinerseits Gefühle zeigt. Über diese Ebene bin ich mit meiner Umwelt verbunden. Manchmal denke ich durchaus, dass ich „Hochsensibel“ bin. Dies verkommt jedoch zu einem Begriff, der in meinen Augen zu schnell gebraucht wird. So wie jedes Kind, das übermäßig zappelig ist, „ADHS“ hat. Da bin ich sehr vorsichtig. So auch mit dem Begriff „Hochsensibilität“. Dennoch fühle ich tatsächlich über Gebühr viel und kann mich gefühlsmäßig ganz schwer abgrenzen von dem, was um mich herum passiert. Ich tauche wirklich hinein in die Situation und bin dann nur noch Trauer, Schmerz, Freude, Angst. Wenn ich ein Buch lese (momentan lese ich meinen Kindern vor) und es passiert etwas Trauriges, muss ich schlucken und kann nicht mehr weiter lesen, weil ich meine Emotionen zuerst unter Kontrolle bekommen muss und nicht in Tränen ausbrechen will. Wenn dagegen etwas Lustiges passiert, lache ich los. Meine Kinder lachen dann mit. Lachen ist ein Ausdruck von Freude. Und die ist in der Regel ein gesellschaftskonformes Gefühl. Wer lacht, steckt an. Wer lacht, wird als heiterer Mensch verstanden, mit dem man sich gern zusammentut. Wer lacht, sieht sympathisch aus. Wer lacht, hat Freunde und immer jemanden, der gern mit ihm zusammen ist. Wer dagegen weint, weint oft allein. Warum ist das so? Weil wir den Schmerz des anderen nicht aushalten? Weil wir uns hilflos fühlen? Weil wir uns nicht anstecken wollen und nicht über unseren eigenen Schmerz nachdenken wollen? Weil weinen hässlich macht?

Ich denke, ein Kern ist von allem davon wahr. Wir können schlecht mit Schmerz und Trauer umgehen. Lieber lachen wir. Im Buch Prediger, im 1. Teil der Bibel, gibt der Autor an mehreren Stellen zu verstehen: Nichts im Leben macht Sinn. Alles ist Mühe und Arbeit. Daher ist es das beste, was wir tun können: Das Leben genießen und lachen. Ok. Das Lachen habe ich jetzt eingefügt. Aber Genuss und Lachen können wir durchaus gleichstellen. Wenn ich etwas genieße, dann habe ich höchstens Tränen der Freude in den Augen.

Aber wer kann Schmerz von einem lieben Menschen aushalten? Eine zeit lang mag das noch gehen. Aber irgendwann können wir es nicht mehr mittragen. Eine Cousine von mir hat ihren Mann auf eine schreckliche Art verloren. Ihre Sorge war: „Wann fangen meine Freunde an, mir zu sagen, dass ich wieder in die Zukunft schauen muss?“ – Es kam schon recht bald.

Ich selbst bin krank. Eine Zeit tragen das meine Freunde mit. Doch nach und nach bemerke ich, dass sie nicht mehr können. Sie sagen selbst: „Ich habe keine Kraft mehr für dich.“ Ich stehe alleine mit meinem Schmerz und zusätzlich kommt die Einsamkeit.

 Das alles sind Gefühle, die nicht schön sind. Und nun lese ich, dass ich meine Gefühle kontrollieren muss, um mein Gegenüber nicht zu überfordern. Haha. Sehr lustig, dachte ich. Einerseits sehe ich das durchaus ein. Ich sage ja, dass ich merke, dass sich die Menschen von mir abwenden. Das mag sicher mit daran liegen, dass ich ihnen zu viel von meinen Gefühlen aufgebürdet habe. Eine Freundin hat mir mal eine Tasse geschenkt, mit dem Aufdruck: „Für die ehrlichste Freundin“ (Es stand auch noch mehr darauf…) Ich wusste jedoch, dass dieses „ehrlich“ nicht unbedingt positiv gemeint war. Denn ich weiß, dass ich viel abverlange mit meinem Hang, meine Gefühle doch recht deutlich auszudrücken.

Es macht mich auf der anderen Seite aber sehr traurig, dass ich nirgends „Ich selbst“ sein darf. Dass es keinen Ort gibt, an dem ich meine Gefühle klar machen darf. Ich will damit niemanden verletzen! Das liegt nicht in meiner Absicht. Ich will nur, dass die Leute um mich her verstehen, wie ich die Welt sehe, was es mit mir macht, wenn ich eine Absage zu einem Besuch erhalte und jemand anders darf kommen. Oder wenn ich in den Arm genommen werden möchte und niemand hat dazu Zeit. Oder wenn mir etwas kaputt geht und ich Hilfe brauchen könnte, aber niemand bietet sie mir an. Oder wenn ich um Hilfe bitte und bekomme eine ablehnende Antwort. Das sind alles Bereiche, in denen ich auf meiner Emotionswelle davon schwimme. Die mir echt den Tag vermiesen können. Das ist überzogen, denkst du jetzt? Und du hast ganz sicher Recht! Denn die Welt dreht sich nicht allein um mich. Nein, das will ich auch gar nicht!

Dennoch frage ich mich: Wo darf ich die sein, die ich bin, ohne dass ich jemanden überfordere, verletze, zu ehrlich bin?

Und mir fällt nur ein einziger Ort ein, an dem ich „Ich“ sein darf! Und das ist vor Gott! Er hat mich gemacht und geschaffen mit meiner Art die Emotionen sehr deutlich zu spüren und zu erleben. Es gibt einen Grund, warum ich die bin, die er so gemacht hat. Ich kenne ihn noch nicht. Vielleicht erkenne ich niemals. Aber es gibt ihn! Dessen bin ich mir sicher.

Wenn ich Gott sage, dass ich enttäuscht, traurig, verletzt bin, dann ist es ihm nicht zu viel. Dann wendet er sich mir zu und will mein verletztes Herz wieder heilen. Deswegen ist Jesus am Kreuz gestorben. Dass ich heil werden kann in meinen Verletzungen. In meinem Wesen. In meinem „Ich“.

Er will nicht, dass ich als verletztes Wesen durch die Gegend laufe und immer weiter den Schmerz und die Trauer spüre und darin ertrinke. Ich muss mich nur daran erinnern. Ein Lied der Sportfreunde Stiller geht mir immer wieder durch den Kopf: „Wohin gehst du mit all deinem Schmerz? Wohin trägst du dein verletztes Herz?“ Und ich muss sagen: Ich wünsche mir auf der Welt ein Gegenüber, zu dem ich es tragen kann. Der mich versteht und mich dennoch liebt. Aber gestern habe ich ja nun schwarz auf weiß gelesen: Das gibt es quasi nicht.

Doch es gibt jemanden, der es tragen kann. Und ich muss Zeiten finden, in dem ich all meinen Schmerz hinlegen kann.

Oft denke ich, wenn ich bete, dann muss ich das doch für andere tun. Bitten für andere und danken für die vielen schönen Momente, die ich in meinem Leben habe.

Doch das ist doch Quatsch. Ich kann durchaus auch mal nur meine ganze Seelenqual zu Jesus bringen. Denn hier gibt es niemanden, der sie tragen kann. Und wenn das ein paar Tage, Wochen oder sogar Monate dauert, dann ist das eben so. Manches dauert Jahre, bis wir etwas verarbeitet haben.

Ich hatte einen Traum. In dem hat Gott mir gesagt, dass er mich heilen wird. Ich dachte, er meint jetzt und sofort. Aber vielleicht dauert es einfach noch ein bisschen. Und ich muss Geduld haben. Und ich muss meine Medizin nehmen: mich zu ihm wenden und ihm meine ganzen traurigen, schmerzhaften Gedanken hinlegen. Ich würde es gern damit vergleichen, dass ich auf diese Art den giftigen Stachel aus mir entfernen kann.

Darüber hinaus möchte ich nicht vergessen, dass Gott ein großer und mächtiger Gott ist. Und dass ich ihn preisen möchte in all dem Emotionssumpf, in dem ich oft stecke. Dass ich ihn nicht nur mit meinen Lasten „belästige“, sondern auch dankbar dafür bin, dass er mein „Lastenträger“ ist! So kann das gelingen, dass ich mich nicht von meinen  Emotionsstrudel runter reißen lassen muss.

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